INTERNATIONALER TAG DER BIODIVERSTÄT 2010
 

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Bulgarien: Der Südpark in Sofia - eine unerwartete Bio-Oase

Ankündigung

Erster Akt: Dragoman

Zweiter Akt: Südpark

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Ankündigung

Ursprüngliche Ankündigung der Veranstaltung auf dieser Website (April 2010)


For the GEO article in Bulgarian language, please go to the downloads section.


Erster Akt: Dragoman

Im ersten Akt unserer Aktion am 1. Mai 2010 haben wir die GEO-Leser in das Leben rund um den Sumpf von Dragoman eingeführt. Alle gefundenen Arten der Vogel-, Pflanzen-, Insekten-, und Amphibienfamilien wurden inzwischen fleißig gezählt. Die vollständige Liste kann auf der Internetseite von  GEO Bulgarien angesehen werden. Und während die biologische Vielfalt in der Gegend des größten abflusslosen Sees in Bulgarien geschützt und umsorgt wird, waren wir doch wirklich provoziert zu prüfen, wie es damit in der Großstadt steht.


Zweiter Akt: Südpark

Zusammen mit Dr. Boris Nikolov, Ornithologe von der bulgarischen Ornithologiezentrale am Institut für Zoologie der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften, haben für diesen Zweck den Südpark in der Hauptstadt Sofia gewählt. In dem Park sind 65 Vogelarten anzutreffen - davon 29 geschützte und zwei, die im Roten Buch Bulgariens geführt werden. Außerdem fließt der Fluss Perlovska reka durch den Park. Für Menschen jeden Alters und besonders für Kinder ist dieser Grünraum ein Lieblingsort. Unsere Freunde von der Bulgarischen Gesellschaft für Vogelschutz begrüßten auch die Ortswahl für den großen Tag.


Und er kam. Am 22 Mai waren die enthusiastischen Naturliebhaber noch vor der verabredeten Zeit an Ort und Stelle. Die Information über unser mobiles Labor hatte sie offensichtlich für die Sache begeistert. Dr. Theodora Ivanova, Dr. Irina Kostadinova und Theodora Petrova von der Bulgarischen Gesellschaft für Vogelschutz stellten sogleich das Fernrohr an dem See mit den Enten auf - damit konnte man die Vögel beim Schwimmen beobachten. Und als ob speziell den Kindern und Eltern eine besondere Freude zu machen, zeigte sich eine Teichralle (Gallinula chloropus) aus dem Schilf. Sie machte eine majestätische Runde um den See und verschwand wieder. Danach „konsultierten“ die Teilnehmer jedes Mal, wenn sie einen neuen fliegenden Bewohner der Gegend sichteten, den Vogelexperten.


Unter dem Schutzdach unseres Labors wurde es immer belebter. Der Malakologe Dr. Ivaylo Dedov vom Zentrallabor für allgemeine Ökologie an der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften hatte nicht nur Kinder, sondern auch viele Erwachsene um sich versammelt. Der Schneckenfund in seinem Sieb erwies sich als sehr interessant, auch aus einem „eitlen“ Grund - der Schleim, den die Weichtiere produzieren, ist ein bevorzugtes Extrakt für die Kosmetikindustrie, was diese Tiere wiederum sehr gefährdet macht. Für die Kinder gab es eine eindeutige Lehre: Jedes Lebewesen unter dem Himmel muss geschützt werden.


Die Gruppe um Dr. Stoyan Lasarov vom Institut für Zoologie an der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften wurde immer zahlreicher, aber auch immer schweigsamer. Die kleinen Naturliebhaber konnten zum ersten Mal eine dreidimensionale Spinne in einem speziellen, in Deutschland herausgegebenen Buch sehen und das wichtigste erfahren – wo sich das Gift dieses Gliederfüßlers befindet!


Der wissbegierige 5-jährige Martin war bereit, Mitglied jeder Gesellschaft für Tier- und Pflanzenschutz zu werden, vorausgesetzt dass es dort dreidimensionale Bücher zu holen gebe. In dem Moment richteten Dr. Vera Antonova und Dr. Toshko Lyubomirov eine Einladung an ihn: „Möchtest du vielleicht Ameisen unter dem Mikroskop betrachten?” Der kleine Entdecker war für immer gewonnen. Bald bildete sich eine neue Gruppe von Kindern und Erwachsenen, die sich um ein anderes Lehrmittel mit bislang unbekannten Bildern häuften.


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Neue Erkenntnisse für die Kinder

Nach jedem Gang durchs Gras und dem Sammeln von allen möglichen Pflanzen und Blumen befragten die Algologin Maja Stojneva und der Botaniker Assen Assenov von der Sofioter Universität „Kliment Ochridski“ die Kinder: „Und was ist das wichtigste, das wir heute besprochen haben?“ – „Wenn wir die Pflanzen und Tiere ansehen wollen, dürfen wir sie nicht töten, sondern müssen sie schützen“, antworteten die Kinder in einer Stimme.


Offensichtlich hatte unsere Lektion erfolgreich zur Wahrnehmung der Probleme der biologischen Vielfalt beigetragen. Wir wurden Zeuge, wie in wenigen Stunden Kinder und Erwachsene sich darüber bewusst wurden, dass der Südpark nicht lediglich ein Ort zum Spazierengehen ist. Darin gibt es viel Leben, das geschützt und nicht selten auch gerettet werden muss.


Und wie in den Märchen, die gut enden, weil die Fee die Träume wahr werden lässt, endete auch unser den Arten gewidmeter Tag mit einer Überraschung. Fünf Mädchen vom Kinderheim „Sveti Konstantin“ hatten die Chance, zum ersten Mal in ihrem Leben ein Fernglas in der Hand zu halten. Ihre Lehrer hatten beschlossen, sie zu uns zu führen, damit sie Vögel, Pflanzen und Insekten aus der Nähe sehen konnten. Jeder der Experten in der Gruppe nahm sich Zeit, um zu erzählen und zu erklären: dass das Entenweibchen nicht bunt ist, damit, wenn es sich im Schilf versteckt, es farblich nicht auffällt und so besser seine Kleinen schützen kann; wie viele Ameisenarten im Gras zu finden sind; ob die Hunde im Park den Algen, die in der Basis der Bäume leben, helfen oder ihnen schaden; ob es den Schnecken gelingt, sich an die „städtische Lebensweise“ anzupassen ...


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Einige Schlussfolgerungen der Wissenschaftler

Doz. Dr. Maja Stoyneva - Algologe: Grüne Fadenalgen in der Basis der Baumstämme – Gattung Prasiola, Art Prasiola Soitata: interessanterweise ist diese Art, die für ihre Entwicklung sehr viel Stickstoff braucht (nitrophile Art), trotz der vielen Hunde im Park nicht ausgiebig vertreten.


Dr. Ivaylo Dedov - Malakologe: Bei den Landtieren der Malakofauna ist der Anteil der nicht lokalen, synanthropen Arten (Arion fasciatus, Arion lusitanicus, Deroceras cf. Reticulatum) 50%, während die lokalen Arten von anpassungsfähigeren und beständigeren (Limax maximus, Helix lucorum) oder solchen, die weit verbreitet sind und Bedingungen brauchen, die ihnen die Stadtparks bieten können (Aegopinella cf. minor), vertreten sind. Dieses verleiht den Schneckengemeinschaften die typische Gestalt der Urbanocenosen, bei denen die biologische Vielfalt Ergebnis zweier Komponenten ist – einerseits der überlebenden Arten der lokalen Fauna, die sich an die neue städtische Umwelt angepasst haben und andererseits der übertragenen synanthropen Arten. Ferner ist das festgestellte Fehlen einer (oder mehrerer) klar dominierender Arten (Überdominanz) ein Indiz dafür, dass die Struktur der Malakocenose erhalten ist und der Wald sich in einem für städtische Bedingungen guten Zustand befindet. Das Vorhandensein von Schnecken in den Gewässern des Südparks, obwohl vertreten von Arten, die Eutrophikation-beständig sind, ist ein Anzeichen für den guten Zustand der Seen.


Dr. Boris Nikolov - Ornithologe: Die Angaben der wissenschaftlichen Literatur zeigen auf, dass in den letzten 20 Jahren (1990-2010) im Südpark von Sofia 75 Vogelarten registriert wurden, davon 28 Nestvogelarten. Somit nimmt der Südpark bezüglich des Reichtums der Ornithofauna den zweiten Platz unter den vier großen Parks in der Hauptstadt ein: er liegt hinter dem Park „Borissova Gradina“ (82 Vogelarten), aber vor dem Westpark (72 Arten) und dem Nordpark (56 Arten). Die Vielfalt der Habitate in der Park- und Waldparkzone des Südparks trägt dazu bei, dass in ihm sowohl eine Vielzahl von Wald- und Straucharten, wie auch eine Reihe wasserliebender Vögel vorzufinden sind. Im Südpark sind fast ein Fünftel der bislang in Bulgarien registrierten Vogelarten (über 420 Arten) anzutreffen: sie finden dort geeignete Nistplätze und gute Bedingungen zu Zeiten der Migration und der Überwinterung vor. Manche Vogelarten sowie auch eine Reihe anderer Arten von Organismen können erfolgreich als Indikatoren für den Zustand der Umwelt dienen; die regelmäßige Beobachtung ihrer Populationen, besonders bei städtischen Bedingungen, bietet wertvolle Information über ihre Reaktion auf den Einfluss der natürlichen Faktoren und dem Maß des antropogenen Drucks (in der Form von Verschmutzung, Veränderung der Lebensräume, verschiedene Formen des direkten Einflusses u.a.).


Dr. Vera Antonova – Entomologe: Auf der für die Beobachtung von Insekten ausgewählten Fläche wurden 16 Ameisenarten gefunden. Zwei davon sind von starkem Interesse. Formica pratensis (die Große Wiesenameise) (einzelne Exemplare) wird in der Roten Liste IUCN als „fast bedrohte“ Art geführt. Man findet sie oft, jedoch meistens in flachen ländlichen Gegenden. Die Ameisenhaufen der Art sind relativ groß und werden aus Ästen, Gräsern und Sand gebaut. Formica sanguinea (die blutrote Raubameise) (einzelne Exemplare) ist eine Art Sklavenhalter. Als Sklaven werden Ameisen von anderen Arten derselben Gattung gehalten. Die kriegerischen Sklavenhalter greifen regelmäßig die Nester der Sklaven an und entführen ihre Larven. So schlüpfen die Sklaven in den Nestern der Sklavenhalter und bauen an ihrem Ameisenhaufen mit, beteiligen sich an dem Saubermachen der Gänge und der Kammern, an der Sicherstellung der Nahrungsvorräte. Die Bewachung des Nests wird aber von den Sklavenhaltern gewährleistet. Die Tatsache, dass diese zwei Arten gefunden wurden, zeugt davon, dass an manchen Stellen die Biotope inzwischen denen in ländlichen Gegenden ähnlich sind. Das schafft die Voraussetzung für eine natürliche Entwicklung des Biotats und für das richtige Funktionieren des Ökosystems.


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Downloads

Bulgaria_Biodiversity_October_2010.pdf

GEO coverage of Biodiversity Action Day in Sofia and the world (GEO Bulgaria, October 2010, in Bulgarian)

1.9 M

BG_list_of_species_found.pdf

List of species found during the Action Day in Bulgaria

213 K

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Galerie

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Photos: Jane Golev und Alexander Ashminov


Text: Nikoletta Kirkova