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Aktionstag im Biosphärenreservat Río Plátano: 20. Mai 2006

Solch einen Ansturm hatte der kleine, ansonsten eher beschauliche Ort Brus Laguna mitten im Biosphärenreservat von Río Plátano noch nicht gesehen. Rund 130 einheimische und ausländische Gäste fanden sich zum Aktionstag Biodiversität und zur größten Umwelterkundung, die Honduras bisher erlebt hat, in Brus Laguna ein. So mussten am Morgen des Aktionstages noch eilends zusätzliche Lanchas, die typischen schmalen, langgezogenen Fischerboote besorgt werden, um all die Gäste an den geplanten Exkursionen auf dem Wasserwege – quer über die große und faszinierende Lagune des Gebietes – teilnehmen lassen zu können.

 

Gegen sieben Uhr in der Frühe ging es dann los. Zuvor waren Gruppen gebildet worden, die jeweils verschiedenen Pflanzen- und Tierarten nachspüren sollten: eine Insekten-, eine Reptilien-, eine Vögel- und eine Schmetterlingsgruppe sowie eine Gruppe über „Fauna Aquatica“, also die Tierwelt des Wassers.

 

Die Gruppen waren bunt gemischt: Schulkinder, Einheimische, Fischer, Wissenschaftler, Journalisten sowie lokale und auswärtige Politiker erlebten zunächst bei der Fahrt über die Lagune die Schönheit der Landschaft. Für die „Fauna Aquatica“ gab es dann schon mitten auf dem Wasser einiges zu entdecken: Mit dem „Tramo“, wie das Fischernetz hier heißt, wurden verschiedene Fische zu Demonstrationszwecken gefangen – darunter zum Beispiel auch ein ansehnlicher Rochen.Gleichzeitig war aber auch zu erfahren, dass der ursprünglich reiche Fischbestand in der Lagune in den vergangenen Jahren durch Überfischung immer weiter zurückgegangen ist.

 

Die APAIP, Associacion de Pescadores, eine Vereinigung der Fischer will sich nun um den Schutz der natürlichen Ressourcen in der Lagune kümmern und zugleich das Überleben der Fischer sichern. Mit internationaler Hilfe hoffen sie, größere Boote anschaffen zu können, um zum Fischen hinaus aufs offene Meer fahren zu können, in das die Lagune mündet. Die Lagune selbst bekäme dann eine Schonzeit, damit sich der Fischbestand regenerieren kann.

 

Derweil spürten etwa die Insekten- und die Schmetterlingsgruppe bei Landgängen auf die kleinen Inseln der Lagune oder am Ufer von Río Tucas verschiedenste Spezies auf. Die vorgefundene Artenvielfalt war so groß, dass manchmal auch von den Experten gar nicht alle Namen auf die Schnelle gefunden wurden. „Aber die Schönheit der Schmetterlinge kann man auch erleben, ohne ihren Namen zu kennen“, so der in Honduras arbeitende deutsche Botaniker Jens Bittner nach der Rückkehr von der Exkursion. Auch die Baumgruppe konnte Schönheit und Naturreichtum der Region ganz unmittelbar erleben: Von den 115 Baumarten, die in Río Plátano allein auf einem Hektar zu finden sind, entdeckte die Gruppe bereits innerhalb weniger Stunden rund 70 Arten.

 

Bevor es am Nachmittag zurück in Brus Laguna dann an die Präsentation der Ergebnisse  ging, konnten sich die Menschen in einer kleinen Budenstadt noch über den Alltag der Fischer oder auch die schwierige Arbeit der Langustentaucher informieren. Auch sie leiden unter schwindendem Bestand und müssen – vielfach unter gesundheitlich bedenklichen Risiken – immer tiefer tauchen, um Langusten zu finden.

 

Einige Taucher demonstrierten die gefährliche Arbeit, die sie zum Teil mit veraltetem technischen Gerät am Rande der Lagune vor den Augen der Journalisten und Fotografen vorführten. Entlang der karibischen Nordküste von Honduras leiden über 6000 Taucher an schweren gesundheitlichen Folgewirkungen, größtenteils Lähmungen. Zurückzuführen sind diese Schäden auf die schlechte Ausbildung und Aufklärung der Taucher  und deren deren Ausbeutung durch die Besitzer der Fischereiflotten: viele bleiben zu lange in zu großer Tiefe und kennen die Risiken des zu schnellen Auftauchens nicht.

 

Die Gäste lernten derweil, dass natürlicher Ressourcenschutz immer auch Hand in Hand gehen muss mit nachhaltiger Entwicklung. Denn Naturparadiese wie das von Río Plátano sind nicht leer, in ihnen wohnen Menschen, die ihr tägliches Überleben sichern müssen. Dazu wiederum brauchen sie eine intakte Natur. Nur in Harmonie zwischen Mensch und Umwelt sind daher im Biosphärenreservat Entwicklung und Armutsbekämpfung möglich.

 

Begleitend zur Präsentation der Ergebnisse der einzelnen Gruppen auf dem Dorfplatz von Brus Laguna gab es dann am Nachmittag eine Ausstellung mit zahlreichen bunten Infoständen und selbsthergestelltem Kunsthandwerk, organisiert von Schulklassen und lokalen Initiativen.

 

Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es am Aktionstag dann mit einem abendlichen Fackelumzug weiter. Bei der anschließenden Noche Cultural auf dem Campo de Deportes  lernten die Besucher die Vielfalt der im Biosphärenreservat lebenden Volksgruppen – der Pech, Garífunas, Tawahkas und Misquitos – kennen. Knapp 1000 (!) Besucher von auswärts und aus der Umgebung von Brus Laguna hatten sich dazu eingefunden und verfolgten gespannt die musikalischen und tänzerischen Darbietungen. Besonderen Beifall erhielt Miskito-Sänger Juan Cooper, der auch außerhalb von Brus Laguna schon einige Hits gelandet hat.

 

Der deutsche Botschafter Paul Resch und seine Frau Ulrike zeigten sich vom Aktionstag und von der natürlichen sowie kulturellen Vielfalt im Biosphärenreservat von Río Plátano begeistert. Am Vorabend hatte Botschafter Resch schon symbolisch den Schlüssel des Städtchens Brus Laguna erhalten, als Dank für seinen Besuch. Herr Resch revanchierte sich mit einem originalen WM-Fußball.

 

Später am Abend hielt es einige der ausländischen Gäste nicht auf den Sitzen, sie wagten zum Beispiel zusammen mit der Tanzgruppe der Garifuna ein paar Schritte auf dem ungewohnten Parkett. Etwas vorzeitig beendete dann ein Regengusss die Noche Cultural in Brus Laguna – was der allgemeinen Stimmung aber kaum Abbruch tat. Weitergefeiert wurde noch bis in die frühen Morgenstunden in einigen der kleinen Bars, von denen Brus Laguna erstaunlich viele hat.

 

Mit von der Partie beim Aktionstag und dem anschließenden Fest der Kulturen war auch die honduranische Umweltministerin und Rechtsanwältin Mayra Mejia. Sie zeigte sich ebenfalls beeindruckt: „Dieser Tag der Biodiversität eignet sich perfekt als Brücke zwischen den Medien, den Politikern, internationalen Organiationen, Wissenschaftlern und der lokalen Bevölkerung, um das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen“, so die Ministerin.

 

Tatsächlich war der Aktionstag nur möglich durch den immensen Einsatz der Menschen von Brus Laguna. Sie sorgten für ausreichende Schlafquartiere in dem kleinen Ort. Eine Gruppe von Frauen, deren Männer oder Söhne beim gefährlichen Langustentauchen ums Leben kamen, schloss sich zusammen und bereitete das Essen zu; sie versorgten die Gäste mit Kaffee, Hühnchen, Reis, frijoles (braune Bohnen) und den typischen Kochbananen (Plátanos). Ganz Brus Laguna war bunt geschmückt und auch ein kleiner Bus, der die Gäste vom winzigen Landeplatz etwas außerhalb des Dorfes abgeholt hatte, war eigens für den Aktionstag hergerichtet worden.

 

So zeigten die Menschen von Brus Laguna den Gästen vor allem, dass der Biodiversitätstag nicht nur ein besonderer, sondern auch ihr ganz eigener Tag war – und der Schutz der natürlichen Ressourcen ihr eigenes Anliegen ist. Denn in Brus Laguna weiß man inzwischen: Nachhaltige Entwicklung und eine gesicherte, lebenswerte Zukunft für alle ist nur im Einklang mit der Natur möglich.